DIE ÜBERSETZUNG VON RAUM, SKULPTUR UND ARCHITEKTUR IN EIN BILD von Christine Erhard

Am Bauhaus und in Vorläufern im Werkbund erlangte die Architekturfotografie als Darstellungsmedium des „Neuen“ eine enorme Bedeutung (Neues Bauen, Neues Sehen, Neue Sachlichkeit). In dieser Zeit entwi­ckel­ten Architekten spezi­fi­sche Strategien des Umgangs mit dem fotogra­fi­schen Medium. Sie benutz­ten so die Fotografie als Vehikel, um ihr Idealbild einer neuen Architektur zu propa­gie­ren. In Publikationen und erstmals auch in Ausstellungen entwi­ckel­ten sich Darstellungsformen in der Fotografie, die schließ­lich stilbil­dend gewirkt haben. Das Bild moder­ner Architektur ist vor allem durch die Fotografie vermit­telt. Einige Bauten haben sich erst durch die Fotografie ins kollek­tive Gedächtnis einge­prägt. Die nicht selbst erleb­ten Räume werden zu Bildern. Mich inter­es­siert dabei vor allem, inwie­weit unsere allge­meine Vorstellungswelt sehr viel mehr von Bildern als durch eigene Erfahrung geprägt ist.

 
 

P IV, 175 x 98,5 cm


 
 

Untitled, 130 x 92,8 cm


 
 

B 4B, 150 x 107,7 cm


 
 

Meine Bilder sind tatsäch­lich „gebaut“. Meine fotogra­fi­schen Arbeiten sind aus einem bildhaue­ri­schen Prozess heraus entwi­ckelt und gleichen dreidi­men­sio­na­len Architekturmodellen, aller­dings sind sie perspek­ti­visch verzerrt und auf einen bestimm­ten Kamerastandpunkt hin konstru­iert. Häufig ist in den Aufbau zweidi­men­sio­na­les Bildmaterial einge­ar­bei­tet. Die Materialien und Bildfragmente, die in meinen Arbeiten erschei­nen, waren zum Zeitpunkt der Aufnahme tatsäch­lich physisch vorhan­den. Ausgangspunkt für eine Bildidee ist oft gefun­de­nes, manch­mal histo­ri­sches Bildmaterial. Die Bildidee ist dabei schon vor der eigent­li­chen Bildfindung vorhan­den, d.h. ich durch­forste mein Bildarchiv oder Kunst/​Architekturkataloge nach Bildern, die meiner Bildvorstellung entspre­chen.

 
 

KA 1, 70 x 100 cm


 
 

Auszug, 71 x 104 cm


 
 

Ausgehend von dieser Bildidee konstru­iere ich meinen Bildgegenstand mit Hilfe von Modellen aus Pappe und verschie­dens­ten Alltagsgegenständen. Häufig geschieht dies mittels anamor­pho­ti­scher Modelle, d.h. die Modelle sind auf einen bestimm­ten Kamerastandpunkt hin konzi­piert und erschei­nen verzerrt, wenn dieser Standpunkt verlas­sen wird. Diese Konstruktionen sind mit Fotooberflächen bezogen, die ebenfalls perspek­ti­visch auf den Kamerastandpunkt hin ausge­rich­tet sind. Die Modelle sind nach den Gesetzmäßigkeiten der Linearperspektive konstru­iert und entspre­chen damit unseren Sehgewohnheiten. 

 
 

Q VIII, 95,5 x 76,3 cm


 
 

A XX, 135,5 x 115 cm


 
 

A XI, 115,6 x 131,1 cm


 
 

Bungalow, 90 x 125 cm


 
 

Der Bürobau, 120 x 98 cm


 
 

Das konstru­ierte Objekt wird zusam­men mit dem Atelierumraum oder im Außenraum in realer Umgebung aufge­nom­men. Die einzel­nen Bildfragmente und Materialien werden durch ihre fotogra­fi­sche Reproduktion auf einer gemein­sa­men Bildoberfläche zusam­men­ge­führt. So treffen in meinen Bildern verschie­dene Blickführungen, unter­schied­li­che Größenverhältnisse und Raum- und Zeitebenen aufein­an­der. 

 
 

Der Treppenabgang, 120 x 98 cm


 
 

Unterführung, 97 x 120 cm


 
 

Gabicce, 70 x 90 cm


 
 

Auf dem Dach, 70 x 87,5 cm


 
 

Die ausge­wähl­ten Arbeiten stammen aus den Jahren 2019 bis 2004. Jeweils Lambda Print, hinter Acryl, teilweise gerahmt.