TRAVERSES von Piotr Zamojski

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Traverses (Querungen)

2019/​2020

»Das Städtische ist mit einem Diskurs und einer Route oder einem Weg verbun­den. Aus diesem Grund gibt es verschie­dene Diskurse und Pfade in der Sprache. Das eine kann nicht vom anderen getrennt werden«. (Henri Lefebvre)

Die Verschränkung der verschie­de­nen Realitätsebenen ist die Idee meines Projektes Traverses. Es soll Form der im öffent­li­chen Raum platzier­ten Text-Collagen werden. Ich habe mich auf drei Quellen bezogen: aktuelle Graffiti-Statements; Essays, Romane und Gedichte, die in der Vorkriegszeit und während der deutschen Besatzung in Frankreich geschrie­ben wurden; theore­ti­sche Schriften aus der Nachkriegszeit. Zur ersten Gruppe gehören ausge­wählte und transkri­bierte Graffiti-Sprüche, die in den Straßen von Marseille von 2018 bis heute gesam­melt wurden. Das Spektrum zwischen den Polen »Murmeln des Alltäglichen« und der urbanen Straßenpoesie ist recht breit. Es gibt Raum für Banalität und Originalität, grobe Vulgarismen und subtile Neologismen, Worte von hoffnungs­lo­ser Traurigkeit und vitaler Fröhlichkeit, naivem Pathos und brillan­tem Humor. Die Aussagen sind meist anonym, daher direkt, offen und persön­lich. Sie folgen oft ihren eigenen Regeln der Grammatik und Orthographie. Die Auswahl kann als eine Anthologie von »Gewächsen« gesehen werden, die in dem urbanen seman­ti­schen Feld gesam­melt wurden, als Verkörperungen der vox populi. Zur zweiten Gruppe gehören Eindrücke von Marseille, geschrie­ben in den optimis­ti­schen 20er Jahren des letzten Jahrhunderts von Joseph Roth, Siegfried Kracauer und Walter Benjamin und Beschreibungen der dunklen Zeit kurz vor und während des Zweiten Weltkriegs: »wenn im Hafen von Marseille der halbe Kontinent versucht, auf einen anderen Kontinent zu fliehen«. Ich habe mich auf die Texte von Anna Seghers, Lion Feuchtwanger und Varian Fry, sowie Verse von René Char und Paul Valérys Stück Mon Faust bezogen. Theoretische Schriften von Henri Lefebvre, Jacques Derrida und Vilém Flusser bilden die dritte Quelle. Drei von ihnen hatten einen biogra­phi­schen Bezug zur Provence: Henri Lefebvre studierte Philosophie in Aix-en-Provence, Jacques Derrida kam nach der Repatriierung aus Algerien nach Marseille, Vilém Flusser lebte einige Jahre in Robion, in der Nähe von Avignon. Die Erscheinung der vorge­schla­ge­nen Textstücke erinnert an die visuelle Sprache der Werbung. Ich erwäge, auf Sperrholzplatten zu arbei­ten, die die Fenster von ehema­li­gen Geschäften abdecken. Die Stücke sollen entlang der Rue de la République und kleine­ren Straßen in unmit­tel­ba­rer Nähe verstreut werden. Ich habe mich für diesen Ort entschie­den, weil er exempla­risch für das Dilemma von Urbanisten, Architekten und Politikern zu sein scheint: wie man etwas Neues schaf­fen kann, ohne dabei allzu viel zu zerstö­ren. Die Rue de la République, zunächst Rue Impériale genannt, wurde Mitte des 19. Jahrhunderts als Grand Boulevard im „Style Haussmannien« gebaut. Der Nebeneffekt der „Prachtachse« waren 935 abgeris­sene Häuser und zerstörte ehema­lige Straßenstrukturen. Die zweite Welle der „Modernisierung« begann Ende des 20. Jahrhunderts.

Die Größe und Platzierung der Schriftgruppen hängt von den Proportionen und dem Charakter des Ortes ab, an dem das Werk reali­siert werden soll. Ich habe die Besonderheiten der zitier­ten Graffiti-Sprüche beibe­hal­ten (die Textausrichtung, die Verwendung von großen und kleinen Buchstaben usw.) Alle Texte erschei­nen in der Originalversion. Sie sollen mit wasser­ba­sier­ter, semi-perma­nen­ter Farbe aufge­tra­gen werden. Nach einigen Tagen soll die Farbe teilweise entfernt werden und die neuen Texte erschei­nen palim­pse­st­ar­tig immer wieder neu. Die Schichten sollen inein­an­der verwo­ben und gleich­zei­tig sicht­bar sein. Die verwen­dete Schriftart Caractères wird seit vielen Jahren für Straßenschilder in Frankreich verwendet.

Traverses ist eine Einladung zu einer virtu­el­len Reise zwischen den Ebenen der histo­ri­schen und sozia­len Realität: zwischen Epochen und Milieus, zwischen existen­zi­el­len Dramen, theore­ti­schen Reflexionen und Poesie des Alltags. Meine Absicht ist die Visualisierung einer polyva­len­ten und mehrspra­chi­gen Textur, die das Netz der Korrelationen erwei­tert und den Raum der Äußerung ausdehnt. Traverses könnte eine bejahende Antwort auf die Frage von Henri Lefebvre geben: »Ist es wirklich möglich, Wandflächen zu nutzen, um soziale Widersprüche darzu­stel­len und dabei etwas mehr als Graffiti zu produzieren?«.