Shingo Shimada: Erinnerungsarbeit I–IV /​ Klasse Erinnerungen 2025

Erinnerungsarbeit I

 

上海 Shanghai

Ich bin geboren in Shanghai

Bist Du Chinesin?

Nein!

 

 

上海 Shanghai

Eine grüne Rasenfläche mit Schaukeln und einer Rutschbahn, 
Das ist meine erste Erinnerung, das ist mein Ursprung,

Sagte meine Mutter immer wieder

 

 

神戸 Kobe

Frei und zuversichtlich
Blickst Du in die Zukunft

Was aber hattest Du gedacht,
Als Du die verstrahlte Erde gesehen hast?
Von der verbrann­ten Stadt

Das Leben ging weiter
Als Fremde im eigenen Land

 

 

上社 Kamiyashiro

Am Rande der Stadt Nagoya

Wartend auf den Fernbus nach Tokyo

Die Autobahn war neu gebaut worden

Als das Dorf von Bauarbeiten umgewälzt wurde

 

 

Benrath

Wir Kinder waren verwundert,
Dass Du in der Fremde
Auf einmal aufblüh­test 

Du wirktest auf einmal so gelöst

Heute weiß ich:
Du fandest Deine Kindheit in der Fremde wieder

 

 

Benrath

Die Bank bleibt leer

Wer denn sonst, wenn nicht Du?

Nach Hause können wir nicht mehr

 

 

 

 

 

Erinnerungsarbeit II

 

上社 Kamiyashiro

Zu Hause zu sein
Wie damals?

Nie mehr wieder

Aber einhei­misch im Dorf
Waren wir auch nicht

 

 

上社 Kamiyashiro

Die Welt war weit, weit weg

Mit einem verängs­tig­ten Blick starrten
Wir in die Zukunft

Wissend …

Wissend was?

 

 

Kaarst

Der Winter war kalt und hart
Ich wanderte durch das schnee­be­deckte Feld
Die dunklen Schneewolken hingen tief über der Erde

Wonach hattest Du in der Fremde gesucht?

 

 

Neuss

Selbstverständlich habe ich Nachhilfeunterricht in Deutsch genommen
Bei Frau Doktor Soundso
Einer gespens­ti­schen Gestalt
Die im Unterricht immer wieder einschlief

Immerhin:
Sie diktierte mir Storms „Jenseit des Meeres“
Vollständig 

 

 

 

Erinnerungsarbeit III

 

六日市 Muikaichi

Ich hatte immer gedacht,
Die Sommerferien würden nie enden.
Nach dem Aufwachen ging ich jeden Morgen in den Gemüsegarten
Meines Großvaters und pflückte eine Kirschtomate.
So fing der Tag an.
Die Sonne schien jeden Tag, und die Tigerspinne spannte ihr
Netz über den schma­len Gang zwischen dem
Haus meiner Großeltern und dem Schuppen, in dem meine
Großmutter einge­legte Ume-Pflaumen und aller­lei Zeug lagerte.
Der Weg war noch feucht vom Morgentau,
Und es roch frisch nach dem Wasser des Flusses einige Meter entfernt.

Jeden Morgen ging ich zum Fluss und schaute Fische an,
Die immer auf meine Schatten lauerten,
Weil ich nach jedem Essen Reste in den Fluss warf.
Die Fische bilde­ten rasch eine dunkle Traube und kämpf­ten um
Einzelne Reiskörner.
Da das Ufer gemau­ert war, stand ich mehrere Meter über dem Wasser.
Die Wasseroberfläche wider­spie­gelte den tiefgrü­nen, dicht mit Bäumen 
Und Gebüsch bewach­se­nen Berghang.
Ich kam nach jedem Aufwachen, nach jedem Essen und 
Jeden Abend, bevor es dunkel wurde.

Ich liebte den Fluss und die Landschaft
Genoss die Ruhe mit der Zuversicht,
Dass diese Zeit nie zu Ende gehen würde. 

 

 

 

 

 

 

Benrath

Heute lebe ich wieder an einem Fluss
Er ist anders als der meiner Kindheit

Dennoch:
Die beiden Flüsse fließen ineinander
In meinem Inneren

Im Moment des Sonnenuntergangs
Wird der Flussoberlauf meiner Kindheit
Zur Quelle des Flusses der Gegenwart

Die Wellen kommen weit her

 

 

 

Erinnerungsarbeit IV

 

上海  Shanghai

1925
Als der Volksaufstand aufkam
Du rücktest mit der Freiwilligentruppe aus
Mit einem Gewehr und einem Bajonett

Zur Beruhigung der Lage
So der damalige Sprachgebrauch

Was hast Du gesehen?
Was hast Du gehört?

Was hast Du getan?

 

 

六日市 Muikaichi

Im besten Mannesalter lebtest
Du in einem entle­ge­nen Bergdorf

Völlig zurück­ge­zo­gen

Kein Wort darüber
Wo Du gewesen warst

Niemand hätte verste­hen können
Was Du alles durch­ge­macht hattest